Pressemitteilung
Antikoagulantien auf Bewährung?
Thrombose-Initiative regt Masterplan zur Kosten-Nutzen-Bewertung
neuer Medikamente zur Blutverdünnung an
Mainz, 13. September 2011. Eine interdisziplinäre Expertenrunde
diskutierte auf Einladung der Thrombose-Initiative e.V. über
medizinischen Fortschritt und seine Finanzierbarkeit. Am Beispiel
der neuen Antikoagulantien ging es um die Frage, wie deren Nutzen
für den Patienten festgestellt und diesem zugänglich gemacht werden
kann. Gastredner der öffentlichen, gut besuchten Veranstaltung im
Mainzer Rathaus war der Patientenbeauftragte der Bundesregierung,
MdB Wolfgang Zöller.
Wie der Vorsitzende der Thrombose-Initiative e.V., Dr. Christian Moerchel, einleitend feststellte, sind medizinische Erfolge nicht kostenneutral zu erzielen. Angesichts begrenzter Ressourcen müsse umsichtig gewirtschaftet werden und der Patient das Maß aller Dinge sein. Auch Wolfgang Zöller betonte, dass es viele Leistungen nicht zum Nulltarif gebe und forderte entsprechende Ehrlichkeit. Sein Ziel sei es, die Strukturen im deutschen Gesundheitssystem verstärkt an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten. In einem neuen Patientenrechtegesetz möchte er alle Regelungen, die Patienten betreffen, zukünftig bündeln und damit überschaubar und handhabbar machen.
Prof. Dr. Harald Darius vom Vivantes Klinikum Neukölln zeigte am Beispiel von Thrombosen im Zusammenhang mit Vorhofflimmern die positiven Effekte neuer Antikoagulatien wie Dabigatran, Rivaroxaban und Apixaban auf. So senke das seit dem 1. September in Deutschland erhältliche Dabigatran die Schlaganfallrate besser als etwa Warfarin bei gleichzeitig geringeren Blutungsraten. Auch die Sterblichkeit sei geringer. Nach Auffassung von Prof. Darius – und in übereinstimmung mit ESC-Leitlinien – sollten zukünftig mehr Patienten Blutgerinnungshemmer erhalten. Die Medikamente ermöglichten eine Therapie mit stabilen Dosierungen. Sie seien wirksamer, sicherer, aber auch teurer.
Nach einem Vortrag von Martin Schneider vom Verband der Ersatzkassen Rheinland-Pfalz/Saarland zur Kostenentwicklung im Gesundheitswesen allgemein und von Dr. Günter Gerhardt, dem ehemaligen Vorstandvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, zur notwendigen Prioritätensetzung bei den GKV-Leistungen kam Prof. Dr. Knut Kröger, Direktor der Klinik für Angiologie am Interdisziplinären Gefäßzentrum der HELIOSKlinik in Krefeld, zurück auf die Thrombose.
Als 2. Vorsitzender der Thrombose-Initiative e.V. formulierte er deren Ansatz ganz deutlich: „Wir wollen die Anzahl der Thrombosen reduzieren. Wir haben gehört, dass es mit den neuen Medikamenten weniger Schlaganfälle und Blutungen gibt. Die Frage ist nun, wie wir dahin kommen und das finanzieren können.“ Als geeignetes Mittel regte er einen Masterplan zur Erfassung der klinischen Kosten-Nutzen-Relation hinsichtlich der Reduktion thromboembolischer Ereignisse parallel zur Einführung der neuen Antikoagulatien an. Dieser könne auch als Grundlage für die Preisgestaltung dienen. Konkret: Wenn die neuen Antikoagulantien es schafften, die Anzahl der stationär behandelten Patienten mit Lungenembolien zu senken, dann sollten sie ihren Preis erhalten (der sich dann rechne); wenn nicht, dann müssten die Firmen nach fünf Jahren einen Preisnachlass an die Krankenkassen zurückzahlen.
Dazu müssten sich alle Beteiligten im Gesundheitswesen zusammensetzen und
das Sektorendenken zwischen stationärer und ambulanter Behandlung
überwinden, fanden die Podiumsteilnehmer.
Das Publikum war vor allem daran interessiert zu erfahren, wen es wegen einer
möglichen Therapieumstellung ansprechen müsse. Auch darauf war die Antwort
eindeutig: den Hausarzt. Die Experten wiesen allerdings auch darauf hin, dass
eine Umstellung nicht für alle Warfarin-Patienten sinnvoll sei. Und dass für
manchen Arzt die Therapiekosten der neuen Antikoagulantien ein Problem
darstellen dürften.
Dr. Christian Moerchel (am Rednerpult) begrüßt die Teilnehmer des öffentlichen Expertenmeetings „Dialog Thrombose“ im Mainzer Rathaus. In der mittleren Reihe die Mitwirkenden der Veranstaltung (v.l.n.r.): Martin Schneider, Prof. Dr. Harald Darius, Prof. Dr. Knut Kröger, MdB Wolfgang Zöller und Dr. Michael Moerchel
Pressemeldung vom 14. September 2011 (PDF, 61 kB),
"Antikoagulantien auf Bewährung?"
Prophylaxe und Therapie
Die Thrombose-Initiative bietet auf der Medica 2011 eine zertifizierte Fortbildungs-
veranstaltung zu venösen Thromboembolien an.
